Mit einem zukunftsweisenden Wohnquartier nimmt die Stadt Eislingen die Internationale Bauausstellung (IBA), die 2027 in der Stadtregion Stuttgart stattfindet, ins Visier. In der vergangenen Gemeinderatssitzung stellte die Stuttgarter Architekten-Werkgemeinschaft Böhme Hilse das Projekt erstmals öffentlich vor. Dessen erste Hürde ist bereits genommen. Nach der Gemeinde Salach mit dem Schachenmayr-Areal stehe nun auch das vernetzte Aktivplus-Quartier Klingengraben vor der Aufnahme ins IBA-Netzwerk, berichtete Oberbürgermeister Klaus Heininger.

Strahlkraft weit über die Region hinaus

Architekt Norbert Böhme sprach von einem Vorhaben von Strahlkraft weit über die Region hinaus. Die Stuttgarter Architekten sind keine Unbekannten in Eislingen. Die Spezialisten für klimaneutrales Bauen, „wir machen nichts anderes mehr“, so Böhme auf Nachfrage, haben bereits den klimaneutralen Wohnpark an der Gerhart-Hauptmann-Straße entwickelt. Im Quartier Klingengraben soll nun noch eins drauf gesetzt werden.  Neben der zukunftsweisenden Energiegewinnung und innovativer Bauweise ist der Gemeinschaftsgedanke ein wichtiger Baustein des Konzeptes mit gemeinschaftlich genutzten Orten und Räumen. Das Thema Biodiversität, das sich in begrünten Fassaden und Balkonen, Bienenweiden oder Insektenhotels widerspiegelt, soll ebenso eine wichtige Rolle spielen wie neue Mobilitätskonzepte durch eine kleine Carsharing- und E-Bike-Flotte.

So funktionieren die Plusenergiegebäude

Geplant sind vier viergeschossige Mehrfamilien- sowie sechs Doppelhäuser mit insgesamt 60 bis 64 Wohneinheiten. Flächenschonendes und verdichtetes Bauen seien wichtige Kriterien, um im Konzert der IBA mitspielen zu können, erläuterte Böhme. Alle Häuser seien als Plusenergiegebäude konzipiert, das heißt sie produzieren zum Beispiel in Photovoltaikanlagen an Fassaden und auf Dächern und durch die Nutzung von Naturwärme mehr Energie als sie verbrauchen. Das Quartier versorge sich somit autonom mit Energie. Auch die vorgesehenen Stromtankstellen würden so bedient. Eine neue Technologie ermögliche die Umwandlung überschüssigen Stroms in grünen Wasserstoff im Sommer, der dann im Winter wieder in Strom zurückverwandelt werde.

Durch die Aufnahme in das EU-Förderprogramm „Horizont 2020“ werde Eislingen zum Forschungsprojekt und die Stadt bekomme eine halbe Million Euro Zuschuss, erklärt OB Klaus Heininger. Das Quartier wird damit zum internationalen Forschungsprojekt. Er sei glücklich, dass dieses Projekt angepackt werden könne, das Zukunftsthemen beinhalte, die der Stadt wichtig seien. Auch die Eislinger Stadträte sind Feuer und Flamme. „Wir können stolz sein. Wir kriegen etwas, das im Umland einmalig sein wird“, erklärte der CDU-Fraktionsvorsitzende Manfred Strohm. Auch die Grünen-Chefin Ulrike Haas sprach von einer „tollen Planung“, stellte allerdings die Frage, wie man die Menschen für die guten Ideen wie Carsharing gewinne, das es ermögliche, die Zahl der Stellplätze zu reduzieren.

Bebauungsplan wurde abgesegnet

Prompt entspann sich eine Parkplatzdebatte, „das artet in Chaos aus“, unkte Daniela Wahl (FWV), die aber von einem „grandiosen Projekt“ sprach. Auch ihre Fraktionskollegin Silke Pauly war mit dem vorgesehenen Stellplatzschlüssel von 1,0 ganz und gar nicht einverstanden. So sei er aber in der Landesbauordnung vorgesehen, hielt Holger Haas (Grüne) dagegen. Norbert Böhme indes machte deutlich: „Wir stehen vor einer riesigen Mobilitätswende.“ Und Rathauschef Heininger fügte hinzu: „Mehr Stellplätze werden unser Mobilitätsproblem nicht lösen.“

Mit 14 Ja-, vier Neinstimmen und einer Enthaltung stimmte das Gremium den erforderlichen Bebauungsplanänderungen wie Stellplatzschlüssel, Gebäudehöhen und Dachformen zu.

Internationale Schau im Visier


IBA Die internationale Bauausstellung findet 2027 in der Stadt und Region Stuttgart statt. Zukunftsweisende Projekte werden zunächst ins IBA-Netzwerk aufgenommen und mit Beteiligung von Experten entwickelt. Die besten Projekte und Quartiere werden dann bei der internationalen Schau präsentiert.

Architekten Die Werkgemeinschaft Böhme Hilse aus Stuttgart, die das Konzept für das Eislinger Quartier entwickelt hat, hat sich auf klimaneutrales Bauen spezialisiert. Unter anderem haben die Architekten im Jahr 2018 beim weltweit wichtigsten Wettbewerb für ökologische Themen, GTA-Award, unter 400 Teilnehmern aus 137 Nationen den 2. Preis in der Kategorie „Bauen und Wohnen“ gewonnen.